Böker
Aufgrund der steigenden Nachfrage in einer ruhelosen politischen Ära haben Hermann und Robert Böker 1829 beschlossen, die Produktion von Säbeln aufzunehmen. Die Kontorbücher aus dem September 1830 sprechen bereits von einer wöchentlichen Produktion von 2000 Stück, hergestellt von 64 Schmieden, 47 Schleifern und einer großen Zahl Ungelernter. Mit einer ständig wachsenden Vielfalt von Werkzeugen und Schneidwaren und den großen Chancen des weltweiten Verkaufs sah die Familie ein, dass sie die Aufgaben verteilen muss, um ihre Interessen optimal zu nutzen. So wanderte Hermann Böker aus und gründete H. Boker & Co. in New York. Der junge Robert baute sein Unternehmen in Canada auf und später gründete er 1865 eine Filiale in Mexico. Diese ist heute noch in Ihrem Land marktführend unter dem Namen Casa Boker.

Heinrich überquerte lediglich die Wupper, ging nach Solingen, wo zu dieser Zeit die deutsche Schneidwarenindustrie mit Riesenschritten wuchs. Gemeinsam mit Hermann Heuser, einem sehr bekannten Schneidwaren-Fachmann, gründete er 1869 Heinr. Böker & Co.
Die Bökers in Remscheid und ihre Vettern in Übersee zeigten großes Interesse und Bedarf für Rasiermesser, Scheren und Taschenmesser aus Heinrichs neuer Unternehmung. Sie mussten ihre Produkte für die Übersee-Märkte auf einfache Weise kennzeichnen, denn viele Kunden und Konsumenten hatten Probleme mit dem deutschen Namen Böker - abgesehen von dem verbreiteten Analphabetentum. Heinrich erachtete die Kastanie in der Nähe der Remscheider Firma als das ideale einprägsame Symbol. Dieses Markenzeichen gehörte der Remscheider Firma mit einem zweiten Logo, dem Pfeil. Eines der sehr wenigen wertvollen Dokumente, das die totale Zerstörung im zweiten Weltkrieg überlebte, ist eine Werbeanzeige von Böker, Remscheid, aus dem Jahre 1874, auf der beide Warenzeichen abgebildet sind.

Es gab immer eine außerordentlich freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden Firmen Böker. So durfte Heinrich das Baumzeichen mit über den Fluss nach Solingen nehmen - ohne großen Streit oder Scheck. Seitdem hat kein Böker-Artikel das Solinger Werk verlassen, ohne mit dem Baum-Zeichen gekennzeichnet zu sein. Der alte Kastanienbaum ist nach über 100 Jahren 1925 einem Blitzschlag erlegen. Ein talentierter Künstler schnitzte den majestätischen Baum in ein Stück Stamm als Original. Diese Arbeit schmückt das Chefbüro im Baumwerk.
Bereits 1900 nahm der US-Markt den größten Teil der Böker-Produktion ab. H. Boker & Co. in New York konzentrierte sich sehr stark auf die Schneidwaren aus Solingen. Die Taschenmesser überflügelten bald in ihrer Bedeutung die Scheren, Rasiermesser und Bestecke. Die Nachfrage wuchs sogar schneller als die Solinger Liefermöglichkeiten, so dass die Amerikaner in New York begannen, ebenfalls Taschenmesser zu produzieren. Später kamen Zangen hinzu. Da das Baumzeichen schon bestens eingeführt war und die internationale Böker - Familie ein hervorragendes Verhältnis zueinander hatte, war es nicht schwer, die Einwilligung der Solinger Verwandten zu erhalten, das Baumzeichen ebenfalls für die amerikanischen Produkte zu nutzen. Seit dieser Zeit gab es zwei unterschiedliche Linien von Böker-Messern auf dem amerikanischen Markt, das gleiche Markenzeichen, sogar manchmal die gleichen Artikel-Nummern, einmal Made in USA und einmal in Solingen. Nur das Gangzeichen sorgte für Klarheit, einmal Boker USA und einmal H. Boker Improved Cutlery Solingen.
Während des zweiten Weltkrieges war der Kontakt zerstört. Das Solinger Werk brannte komplett aus. Keine Maschine, keine Werkzeuge, Katalogmaterial oder Muster haben überlebt. Die wenigen Originale aus der Vergangenheit, die uns heute zur Verfügung stehen, haben den Krieg in Privathäusern überdauert und wurden dem Baumwerk zur Verfügung gestellt. Die Firma verlor eines der wertvollsten Güter: die Eintragung des Baumzeichens für den amerikanischen Markt wurde nach amerikanischen Gesetz beschlagnahmt. John Boker jr. erwarb es in New York, um es für den Vertrieb der amerikanischen und deutschen Produkte zu sichern. Schon bald nach dem Krieg kam neues Leben in die zerstörte Fabrik. Wer von den treuen Facharbeitern den Krieg überlebt hatte, kam zurück und half, Gebäude und Produktion wieder aufzubauen und langsam zu dem hohen Qualitätsstandard zurückzufinden.
Die amerikanischen Vettern erneuerten ihre Geschäftskontakte mit Solingen und erteilten erste Aufträge. In wenigen Jahren war Boker, New York, wieder der Hauptabnehmer. Modelle wie 7588, 7474 und das alte Flaggschiff, das Sportmesser 182, konnten nicht schnell genug den Ozean überqueren, um die Böker-Freunde im ganzen Land zu erreichen.
Anfang der 60iger Jahre wurde Boker USA verkauft und nach mehrfachem Wechseln von dem bekannten Scherenhersteller Wiss & Sons übernommen. Wiss hielt die Herstellung der Böker-Messer aufrecht und verkaufte sie gemeinsam mit Solinger Produkten. Natürlich verschwanden damit Böker-Scheren als Konkurrent zum Wiss-Sortiment vom amerikanischen Markt. Anfang der 70iger Jahre verkaufte Wiss an Cooper Industries, einem multinationalen Konzern. Für das Baumwerk war dieser erneute Wechsel in Amerika segensreich. Es entstand eine sehr enge geschäftliche und persönliche Beziehung zu diesem Industriegiganten. Cooper baute dank seiner Marktkraft den Böker-Namen wieder zu seiner ursprünglichen Größe auf. Dank der sehr regen Geschäftstätigkeit mit Cooper über acht Jahre war man in Solingen in der Lage , die Produktion zu rationalisieren und neue moderne Produkte zu entwickeln. Heute stellt das Baumwerk ohne Übertreibung das breiteste Sortiment an hochwertigen Sport- und Sammlermessern her, mit einer unübertroffenen Vielfalt an Materialien für Klingen und Griffe. Das Böker-Messer reicht heute vom 320-Lagen Damast bis zur hoch modernen Ceramic und vom edlen Perlmutt über Thuja-Wurzelholz bis zu modernsten Kunststoffen.
1983 gab Cooper die eigene Messer-Produktion auf. Noch aktuelle Modelle werden heute in Solingen gefertigt. Drei Jahre später hat Cooper als Ergebnis der freundschaftlichen Verhandlungen das amerikanische Warenzeichenrecht zurück übertragen und damit Solingen den Weg eröffnet, selbstverantwortlich auf dem riesigen amerikanischen Markt tätig zu werden. So entstand im Juli 1986 Boker USA, Inc. in Denver, Colorado. Mit Chuck Hoffmann ist heute noch der Mann der ersten Stunde als Geschäftsführer und Teilhaber tätig, mit einer jungen, agilen Mannschaft.
Die große Bedeutung des Baumwerkes für die südamerikanischen Märkte Argentinien, Chile und Mexico verdanken wir den tüchtigen Männern der Böker Familie, die im 19. und 20. Jahrhundert in diesen Ländern für uns tätig waren. Das heutige Warenzeichen schließt die Begriffe TREEBRAND und ARBOLITO ein. Da speziell der argentinische Markt extremen wirtschaftlichen und politischen Schwankungen unterliegt, drohte der gute Name ARBOLITO in Vergessenheit zu geraten. 1983 wurde gemeinsam mit der Familie Salzmann Böker Arbolito S. A. gegründet. Dort werden in erster Linie Haushalts- und Berufsmesser hergestellt. Dank ständiger Rationalisierung und Ausweitung der Produktionsvielfalt ist die Firma in Buenos Aires heute imstande, mit ausgesuchten Produkten weltweit zu konkurrieren.